Dann lass doch mal los“, rät man seinen Freunden oder Kollegen schnell, wenn diese traurig, wütend oder verzweifelt sind. Ist das wirklich so einfach? Wie gelingt loslassen genau?

Portrait Christiane Laakmann von Andreas von Tempelhoff

Christiane Laakmann

Christiane: Loslassen kann ganz leicht sein – kann aber auch ein längerer und komplexerer Prozess sein. Loslasssen hat nichts mit wegschmeißen zu tun. In Beziehungen denken Menschen oft, wenn sie einen Partner loslassen sollen, sie müssten sich trennen. Das heißt loslassen aber nicht. Wir lösen uns „nur“ von unseren Erwartungen, Vorstellungen, Ansprüchen, die wir an den anderen Menschen haben. Wir sind eingeladen diesen Teil unserer Persönlichkeit „sterben“ zu lassen. Und das kann ein ganz schön intensiver und auch schmerzhafter Prozess sein.
Wenn wir aufrichtig und mit Engagement dadurch gehen, wartet am Ende ein Geschenk auf uns, welches wir empfangen dürfen. Eine Gabe, unser Partner in einer neuen Version, oder ein noch besserer Partner. Loslassen ist ein Ja zum LEBEN zur Evolution, zum Lebendigsein und Schritt für Schritt voran gehen und es ist auch eine Vertiefung des Lebens an sich.
Loslassen gelingt dadurch, dass wir uns durch unsere Angst fühlen, die uns festhalten lässt. Es gelingt dadurch, dass wir uns vorstellen können, dass es einen Himmel gibt, der sich nur das Beste für uns wünscht. Es gelingt durch VERTRAUEN, Liebe und Vergebung.

Foto: Ulla Frens privat

Ulla Frens

Ulla: Das Loslassen kann ganz einfach sein – ich muss etwas schmunzeln. Aber in den meisten Situationen ist es ein Prozess, ein „nach- und nach-sich lösen“ von … von Kindern, die erwachsen werden, von dem ersten Auto, das man sich mühsam erspart hat und das einem die ersten großen Ausflüge alleine ermöglicht hat, ein Loslösen von den Eltern, aber auch das Loslassen von liebgewordenen Verhaltensmustern oder Einstellungen, die uns jahrelang geholfen haben. Sie passen manchmal nicht mehr – wie zu klein gewordene Schuhe.
Es geht darum die Kontrolle, alle Erwartungen, alle Forderungen abzugeben, abzuwarten und zu vertrauen, sich für Veränderungen öffnen, sich den Veränderungen hinzugeben … und nicht einfach denken: „Weg mit dem Mist“ oder „Hier hast du es.“

Was verstehst du unter loslassen? Muss ich mich von etwas verabschieden, etwas wegwerfen oder darf auf keinen Fall mehr daran denken?

Christiane: Wie schon gesagt, ist Loslassen nicht Wegschmeißen oder Wegwerfen. Es ist aber auch nicht, es weiter unter Kontrolle halten; also ständig aufs Handy zu schauen, ob „ER“ sich wieder gemeldet hat.
Loslassen ist sanft, zärtlich und ein eher innerer Transformationsprozess. Sicher können auch äußere Rituale helfen: ein Brief, in dem ich schreibe, was ich alles loslassen will und diesen dann verbrenne oder entsorge. Loslassen ist für mich ein inneres AKZEPTIEREN, dass Dinge nicht so laufen, wie ich es gerne hätte, sondern dass sie zum Besten der Entwicklung meiner Seele laufen. Es hat für mich viel damit zu tun, dass nicht mein Wille, sondern „Herr dein Wille geschehe.“

Ulla: Oh, loslassen bedeutet auf keinen Fall wegwerfen und das mit dem „Denk einfach nicht daran“ klappt ja auch nur selten…Ich erkläre das Loslassen gerne am Beispiel „Eltern lassen ihre Kinder los“. Das bedeutet, dass die Eltern ihre Kinder ihr Leben leben lassen. Die Eltern haben alles für ihre Kinder getan, haben Ihnen alles gegeben, was sie konnten und was die Kinder fürs Leben benötigen. Irgendwann ist dann der Zeitpunkt da, an dem die Eltern loslassen – nach und nach. Sie bleiben im Herzen mit den Kindern verbunden, kontrollieren aber nicht jeden Schritt und trauen den Kindern zu, dass sie immer mehr Dinge alleine bewältigen können. Die Eltern gehen ins Vertrauen, dass die Kinder die nächsten Herausforderungen meistern werden, die Kinder dürfen ihre eigenen Erfahrungen machen.
Somit hat loslassen nichts mit loswerden zu tun und bedeutet auch nicht „ich schaue ständig nachzuschauen, was jetzt passiert“, sondern loslassen ist vielmehr das Zutrauen, dass „es“ sich zu seinem Besten entwickelt und dass „es“ seinen eigenen Weg geht…

Bezieht sich das Loslassen auf alles? Auf Gedanken, Gegenstände und auf Menschen? Oder gibt es da feine Unterschiede?

Christiane: Ja, für mich kann sich das Loslassen auf alles beziehen: Glaubenssätze, Gegenstände, meine Arbeit, Menschen, Selbstkonzepte und, und, und.
Im Prinzip dürfen wir immer loslassen, damit NEUES in unser Leben kommen kann.

Ulla: Weiter oben habe ich ja schon jede Menge aufgezählt, was wir im Lauf unseres Lebens loslassen müssen – bei manchen Sachen ist das Loslassen kaum spürbar; anderen Dingen trauern wir lange nach und das Loslassen dauert.

Woran erkenne oder fühle ich, dass für mich der richtige Zeitpunkt gekommen ist, etwas loszulassen?

Christiane: Wenn sich etwas nicht mehr richtig und gut und im Fluss anfühlt. Ganz konkret – ich fühle mich in meiner Wohnung nicht mehr wohl und sehe, dass sie komplett vollgestopft ist. Dann ist es wohl Zeit, mich von Dingen zu trennen. Und ich spüre meine Beziehung steckt fest: Ständige Kämpfe, ewige Diskussionen, die zu nichts führen, außer dazu dass beide Partner unglücklich und unzufrieden sind. Oder ich spüre, dass ein einschränkender Glaubenssatz mich vom Erfolg, vom Empfangen, vom Glücklich-SEIN abhält, auch dann ist es Zeit loszulassen.

Ulla: Bei Schuhen, die drücken und zu klein geworden sind, merkt man schnell, dass es Zeit zum Loslassen ist. Bei einem zu vollen Kleider- oder Schuhschrank scheiden sich die Geister, wann der richtige Zeitpunkt zum Ausmisten ist… . An diesem Beispiel erkennt man, dass loslassen ganz individuell ist und dass der passende Zeitpunkt für jeden anders ist: der eine kann sich schnell trennen, der andere hängt an seinen Sachen – ist eher trennungsempfindlich und hat Angst vor Veränderungen.
Wenn es „krampfig“ wird, ist es Zeit loszulassen: wenn der Schrank so voll ist, dass nichts mehr reinpasst oder wenn man morgens davor steht und sich vor lauter Masse nicht entscheiden kann; wenn man ständig mit Magenkrämpfen zur Arbeit geht, die Arbeit keine Freude mehr bereitet; wenn man in einer Beziehung keine Erfüllung mehr findet….

Im Wort „loslassen“ steckt auch das Wort lassen, zulassen bzw. Gelassenheit. Wie kann man gelassen bleiben, wenn das Leben gerade nicht rund läuft oder man sogar in einer Krise steckt?

Christiane: Vielleicht ist man auch einfach mal eine Zeit nicht gelassen. Wenn ich das nicht bewerte, sondern akzeptiere, dann ist auch das gar nicht schlimm.
Ansonsten gibt es viele wunderbare Methoden (Meditation, Yoga, Sport, Visualisierungen etc. ), um gelassener zu werden.
Grundsätzlich geht es darum, dass wir unser Nervensystem stabilisieren und unseren Toleranzraum vergrößern. Eine wunderbare Methode kann da die Alexander-Technik sein, die mein besonders geschätzter Kollege Torsten Konrad anbietet.

Ulla: Über „es lassen“ – z. B. die Kontrolle abgeben, nicht ständig schauen, was passiert, „zulassen“ und sich den Veränderungen hingeben – habe ich schon was geschrieben. Tja, bleibt noch die Gelassenheit, wieder eine Sache, die nicht so einfach ist, aber dennoch sehr wichtig! 😀
Ich empfehle jedem, dass er sich eine Art zum Entspannen sucht, die zu ihm passt, und dass er diese Entspannungstechnik wie ein kleines Ritual jeden Tag praktiziert, siebenmal in der Woche!!!
Gelassen und entspannt ist man souveräner und handlungsfähig, was hilfreich ist, wenn es nicht rund läuft oder man in der Krise steckt.

Was gewinnt man durch das Loslassen? Was verliert man?

Christiane: Man verliert das ALTE – den Mantel, der zu eng geworden ist und der oft auch körperliche Schmerzen verursacht. Dazu muss man sagen, dass auch Schmerz als Gewohnheit vielen Menschen Sicherheit gibt. Es sind in Teilen tiefe kollektive Muster, die hier wirken.
Was gewinnt man: Freiheit!

Ulla: Was verliert man? – Im Grunde kann man nur gewinnen… Selbst wenn man einen geliebten Menschen loslässt, loslassen muss, weil er gestorben ist. Man hat diesen Menschen im Hier und Jetzt „verloren“, es bleibt aber die Herzverbindung zu ihm, die Erinnerung an ihn.
Wenn man den Menschen „richtig“ losgelassen hat, „richtig“ getrauert hat, verharrt man nicht in der Trauer und im Trennungsschmerz. Das ist ein Gewinn – man kann weiterleben und zur Lebensfreude zurückfinden.

Mit welchen Methoden hilfst du Menschen, die zwischen dem Loslassen und Haftenbleiben gerade feststecken?

Christiane: Mit einer hoch komplexen Methode.  😆
Kleiner Scherz …. also mit Humor und meinem SEIN.

Ulla: Wir schauen uns gemeinsam die Situation an und erkennen die Mechanismen und Gefühle, die das Loslassen blockieren. Es geht darum die Gefühle, die auftauchen, anzunehmen und sich dann durch die Gefühle durchzufühlen – das kann Angst, Wut, Trauer, Schmerz usw. sein.
Welche Methoden oder Übungen wir genau auswählen, ist ganz individuell, da der Loslass-Prozess bei jedem anders ist. Die jeweilige Situation zeigt uns, was in dem Moment für die Heilung erforderlich ist.

Ja, du bereit, etwas loszulassen! Hier kannst du dich sofort anmelden.
Du brauchst mehr Infos zum Workshop am 09. Oktober 2016. Sonntag_Loslassen_20161009

Und wer sind eigentlich Christiane und Ulla?

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