Gerald Butolen beschäftigt sich mit Musik, Tanz, Kunst, Soziologie, Pädagogik und Psychologie. Er Ist außergewöhnlich gebildet und dabei ein echt präsenter Mann mit Herz und Humor.

Ich freue mich, dass er mein heutiger Interviewpartner ist, da er mit seinem Wirken, die Welt zu einem schöneren Ort macht.
 

Was bedeutet für dich Echtheit im Beruf oder im Leben?

Echtheit stellt ein attraktives, anstrebenswertes Ziel für mein Handeln und mein Sein dar. Echtheit kann einen erfüllenden Zielbereich meines persönlichen, psychischen Entwicklungsprozesses darstellen. Echtheit ist großartig, authentisch, erhebend, erhöhend, vertiefend …
Echtheit ist, was sie ist – sie kann erwünscht, ersehnt sein, aber auch beiläufige Prozessqualität sein und als solche nur am Horizont des Bewusstseins auftauchen – und so als Beigeschmack den Bewusstseinseindruck mitgestalten. Für mich macht Echtheit das Leben lebenswert und unverkennbar. Und erstrebenswert erachte ich für mich, dass ich meine Definition von Echtheit immer wieder revidiere –  auch meine Vorstellungen von Echtheit unterliegen Veränderungsprozessen …
Ich hatte viele Male in meinem Leben die Erfahrung „absoluter“ Echtheit. Absolut waren diese Erfahrungen deshalb, weil ich starke, emotionale Erlebnisse hatte, etwa im Sinne von „Genau das ist es“, oder „Ich will und bin genau das!“ In solche Bewusstseinszustände gelangte ich in Vergangenheit Z. B. wenn ich Dominique Mercy tanzen sah, oder wenn ich Jacqueline Dupré Cello spielen sah und hörte, wenn ich selbst Musik machte oder tanzte. Heute gelingt es mir, indem ich male, wenn ich in einem anregenden Gespräch bin oder wenn ich in den „Flow“ eines Selbsterfahrungsseminars gelange, bspw. mit meinem Mann Torsten Konrad.
Unter „Echtheit im Beruf“ verstehe ich, dass ich – egal welcher – Situation mit meinem Wissen, meinem Können, meiner Intuition und meinen Gaben vollständig zur Verfügung stehe, diese einbringe und dadurch einen entscheidenden Beitrag zum Gelingen machen kann.

Woran machst du Echtheit fest?

Echtheit ist erleb- und fühlbar. Sie hinterlässt bleibende Erinnerungen und tiefe Eindrücke in mir. Solche Eindrücke haben sich mir als Bilder oder Klänge eingeprägt, bspw. die Stimme meiner Mutter, als sie mir in meiner Kindheit vorsang, oder Bilder von der Landschaft, in der ich aufgewachsen bin. Jedes Mal, wenn ich wieder in meiner Heimat bin, erlebe ich, wie tief diese Eindrücke in mir verankert sind und wie sehr sie zu meinem Glücklich-Sein beitragen.

Was möchtest du in die Welt bringen? Wie machst du deine Vision sichtbar?

Ich möchte Personalität und Mensch-Sein in die Welt bringen – das klingt hochtrabend, ist aber das einzige Ziel, das ich erstrebenswert finde. Ich möchte als Person und Mensch verfügbar sein, Verantwortung übernehmen, vor allem meine persönliche Verantwortung in der Situation, aber auch meine Verantwortung gegenüber anderen Menschen, die sich auf mich zu bewegen, wahrnehmen. Ich möchte verstehen, ich möchte teilen, aushalten, halten, Antwort geben, mitverantworten, mitgestalten.
Dabei präsent sein, meine Gaben, meine Fähigkeiten, Ideen, Vorstellungen, Erfahrungen nutzen – um anderen die Erfahrung zu geben, angenommen zu sein, gehört und gesehen zu werden. Dies entspricht in etwa dem Grundbedürfnis des Menschen bei Virginia Satir, der großen Familientherapeutin:
„Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Kontakt.“
Wenn es darum geht, meine Vision sichtbar zu machen, dann begreife ich mich damit eher am Anfang eines Schaffensprozesses. Angenommen es wäre ein Projekt, dann würde ich damit in den Kinderschuhen stehen, der große Business-Plan taucht noch nicht am Horizont auf. Momentan erfahre ich meine Vision, in etwa indem ich malend die Malerei entdecke, in der Arbeit im Gruppensetting in einen Erfahrungsraum mit anderen eintauche, um Gemeinsamkeit zu erfahren bzw. um die Gruppe in diesem Prozess auf Gemeinsamkeit hin zu lenken.

Zudem bilde ich mich weiter, weil ich mehr wissen und weiterlernen will.

Was tust du jeden Tag ganz konkret für deine Vision? Hast du dabei bestimmte Handlungen oder Rituale, die dich durch den Tag begleiten?

Ja, ich übe fast täglich. Und wenn ich nicht übe, dann lese oder male ich, um mich zu inspirieren – oder ich bin einfach achtsam. Übungen entnehme ich da bspw. aus Büchern von Chuck Spezzano, Lency Spezzano oder aus dem „Kurs in Wundern“. Wenn ich lese, dann unterschiedlichste psychologische Literatur. Malen eignet sich hervorragend für Achtsamkeit, eignet sich hervorragend dafür, für meine Vision und die Schönheit meines Lebens empfänglich zu werden, eignet sich hervorragend dafür, mein Bewusstsein auszumisten.
Ich habe für mich in dieser Lebensphase beschlossen, dabei künstlerische Techniken zu nutzen. Ich habe eine ganze Weile versucht, mich jeglichen äußeren Stimuli zu entziehen, um „meine eigene Echtheit“ in einer Art Abstinenz vom Äußeren zu finden. Meine Echtheit ist aber eher eine klingende, gestaltete, vibrierende, schwingende, farbige, die in die Geschichtlichkeit und Faktizität der modernen, westlichen Gesellschaft eingebettet ist. Ich bin glücklich und froh darüber, wie und wo ich lebe und möchte die Produktivität der Gesellschaft für den Prozess mit dem Ziel Echtheit/ Authentizität nutzen. Eine zu abstinente oder asketische Haltung war mir tendenziell immer zu quälend.

Wie meisterst du Herausforderungen, Hürden oder Schwierigkeiten auf deinem Echtheits-Weg? Wie feierst du deine Erfolge?

Wenn ich bemerke, dass mein Stressniveau ansteigt, dann übe ich mich in Achtsamkeit, um dadurch mehr über meinen „modus operandi“ zu erfahren. Dabei achte ich auf meinen Körper – dem Stress auf körperlicher Ebene zu begegnen, erachte ich als sehr effizienten Weg! Ich nutze dafür hauptsächlich die F. M. Alexandertechnik und Triyoga. Erstere Technik ermöglicht mir, das Anspannungsniveau zu senken, das durch die Erregtheit im Nervensystem meine Bewältigungsmöglichkeiten negativ beeinflusst. Bin ich körperlich in einem entspannteren Zustand, so ist es auch leichter, meine Gefühle wahrzunehmen und Klarheit in meine Gedanken zu bringen. Von da aus gelingt es mir immer, eine Art Strategie oder Vorgehensweise zu finden – zumindest aber Akzeptanz zu entwickeln, wodurch ich meistens auch gelassener werde.
Auf meinem Echtheits-Weg gibt es einerseits Dinge und Inhalte „im Außen“, die mir unentbehrlich sind – weshalb ich mich für deren Erhalt einsetze. Andererseits erkenne ich zunehmend immaterielle Qualitäten in meinem Leben, die einen größeren, befriedigenderen, sinnvolleren Sinnhorizont zur Verfügung stellen. Ich bin überglücklich darüber, dass ich mich relativ unabhängig von materiellen Bedingungen innerhalb dieses wunderbaren, weitreichenden Sinnhorizontes bewege – und das Wichtigste: … dass ich diesen Ort gemeinsam mit meinem Ehemann bewohne. Das ist für mich Glück und Echtheit!

Braucht man deiner Meinung nach bestimmte persönliche Eigenschaften, um Echtheit zu leben? Kann die jeder lernen?

Vor dem Erfahrungshintergrund meines eigenen Sozialisationsprozesses behaupte ich, dass jeder Echtheit leben kann, der Echtheit als Lebensqualität erreichen und verwirklichen will. Die Grundzüge einer authentischen Haltung sind bestimmt erlernbar! Ich denke, dass es Charaktermerkmale gibt, die es einem erleichtern, in Echtheit oder Authentizität zu leben. Für einen anderen Menschenschlag wird es wieder überhaupt nicht interessant sein, in Echtheit/ Authentizität zu leben und wieder für ein anderes Völkchen wird Echtheit/ Authentizität äußerst attraktiv sein, aber wahrscheinlich (aus subjektiver Sicht!) für die eigene Person nur schwer zu verwirklichen sein. Wahrscheinlich sind Selbstliebe und Selbstwertgefühl wichtige Voraussetzungen dafür, Echtheit im Leben zu realisieren.
Ja, ich erachte Echtheit in gewissem Sinne als trainierbar. Aber nicht alles ist erlernbar, nicht alle essentiellen Erfahrungen und Erkenntnisse von Echtheit/ Authentizität können er-übt werden. In diesem Sinne genieße ich die Zeit, in der ich nicht übe. So erhalte ich Aufschluss über meine Geisteshaltung hinter meinem Üben. Diese kann ich nur erkennen, indem ich auch Phasen des Nicht-Übens habe und meinem Geist/ meiner Seele den Freiraum lasse, der ihrem Wesen am ehesten entspricht. Das Konzept von „Üben“ und „Erlerntes Verhalten punktgenau einsetzen“ entspricht mir nur in Ansätzen.

Wie hat sich deine Lebensqualität verändert, seitdem du „Ja“ zu deiner Echtheit gesagt hast? Welche Veränderungen hast du bei dir und/oder bei anderen festgestellt?

Es  wurde auf allen Ebenen intensiver: einerseits anstrengender, fordernder, andererseits aber auch lebendiger, bunter, freudvoller, spannender. Insgesamt nahm die Tiefe der unterschiedlichen genannten Qualitäten stark zu und ich langweilte mich immer weniger, weil ich meine Schonhaltung, also viele Formen der Kompensation, nach und nach entdeckte und dann aufgab. Ich erfuhr dadurch im Alltag mehr Sinnhaftigkeit – mit Arbeitskollegen, Klienten, mit Familienangehörigen und mit meinem Ehemann – und war endlich vom Stress befreit, der durch Zustände von Langeweile, Leere und Sinnlosigkeit entstanden sind, ähnlich den Zuständen, welche eine „bore-out“ kennzeichnen.

Wie fühlst du dich gerade jetzt in diesem Moment?

Energie- und visionsgeladen. Wie gut, dass wir über all das sprechen!  🙂

Wenn dich nachts einer mitten im Schlaf wecken würde und fragt: “Was ist dein bester Tipp für mehr Echtheit?” – Was würdest du sofort antworten?

Auf verbaler Ebene würde ich im Sinne von „Anything goes!“ mit der Frage antworten: „Was willst du?“ Die Antwort auf diese Frage gibt wichtige Hinweise auf die Echtheits-Frage. Die Situation ermöglicht jedoch auch nonverbale Antwortmöglichkeiten – es wäre mir eine Freude, sich dann in einem Moment göttlichen Sich-ineinander-Erkennens zu begegnen.

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