„Wenn ich etwas tun möchte, dass künstlerisch relevant ist und auch provokant, muss ich damit rechnen, dass ich mich in eine Position bringe, die unangenehm ist und die ich nicht völlig kontrollieren kann.“ Diese Worte von David Bowie kommen mir in den Sinn beim echten Interview mit Al Page.
AL Page Songwriter, Musiker und Schriftsteller aus Freiburg, geboren in Istanbul.
Gründer und Inhaber des Musiklabels 34 Music (sprich: „Thirtyfour Music“) und Buchverlags AL Page Verlag.

 

Was bedeutet für dich Echtheit im Beruf oder im Leben? Woran machst du Echtheit fest?

Echtheit – oder Authentizität – bedeutet für mich, in meinem Sein, Handeln und in meinen Begegnungen ein Stück meiner Seele sichtbar zu machen. Echtheit mache ich unter anderem auch daran fest, ob jemand seinen Aussagen auch Taten folgen lässt.

Was bereitet dir dabei Freude?

Da gibt es viele Sachen, die mir Freude bereiten. Zum Beispiel, wenn ich einen Song geschrieben habe und ihn aufnehme; wenn ich die Wörter, die in meinen Gedanken geistern, auf Papier bringe; wenn ich mit meiner Band probe; wenn ich bei einer Lesung vor einer Schulklasse die Kids begeistere … mir bereitet alles Freude, was mit meiner Berufung zu tun hat.

Welche Vision verfolgst du bei diesem Projekt? Was möchtest du in die Welt bringen? Wie machst du deine Vision sichtbar?

Mein Ziel ist es, mit meinen Werken, Worten und Emotionen die Seelen der Menschen zu berühren. Natürlich gelingt das nicht bei jedem, aber es funktioniert überall. Jedenfalls bei jenen, die eine offene Haltung zu Neuem haben und unvoreingenommen jemanden oder seine Projekte kennenlernen möchten.
Dieses Ziel, diese Vision mache ich durch meine Musik (sei es als Tonträger oder Liveauftritte) und Literatur (sei es Bücher oder Lesungen daraus) sichtbar. Ich habe keine politische oder gesellschaftliche Botschaft. Ich bin Musiker und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Das bedeutet aber nicht, dass ich unpolitisch bin oder mir die Gesellschaft schnurzpiepegal ist. Wenn ich denke, dass ich ein bestimmtes Thema in meinen Songs oder Büchern loswerden muss, dann mache ich das.

Was tust du jeden Tag ganz konkret für deine Vision? Hast du dabei bestimmte Handlungen oder Rituale, die dich durch den Tag begleiten?

Ganz konkret? Manchmal stelle ich mir vor, wie ich vor 70.000 begeisterten Menschen spiele oder einen bedeutenden Preis entgegennehme.
Ganz besonders wird es, wenn ein neues Album entsteht. Da fange ich visuell an, indem ich das Cover gestalte und mir dann vorstelle: in ein paar Monaten ist das Album voll mit Songs, mit Geschichten aus meinem Leben, die ja oft so ähnlich sind wie aus deinem Leben.
So habe ich etwas Greifbares und Sichtbares in meiner Hand. Es fühlt sich so an, als ob das Album bereits jetzt fertig ist. Es gibt allerdings kein festgelegtes Ritual, das ich jeden Tag vollziehe. Ich weiß, was ich will und muss mich selbst nicht täglich daran erinnern.

Wie meisterst du Herausforderungen, Hürden oder Schwierigkeiten auf deinem Echtheits-Weg? Wie feierst du deine Erfolge?

Herausforderungen sind dazu da, um angenommen zu werden. Wenn es Schwierigkeiten gibt, dann versuche ich sie bestmöglich und mit den vorhandenen Mitteln zu lösen. Erfolge feiere ich im kleinen Kreis. Mit Familie und besten Freunden. Sie sind die ersten Menschen, die ihn mit mir teilen, weil sie einen Teil des Erfolges ausmachen, indem sie an mich glauben, mich unterstützen und mir Mut machen.

Gab es einen Punkt in deinem Leben,  an dem du wirklich alles hinschmeißen oder aufgeben wolltest? Warum hast du trotzdem weitergemacht?

O ja, klar! Das gab es nicht nur ein Mal, und kommt heute noch immer wieder vor … hält aber immer nur etwa 30 Sekunden. Nein, Aufgeben kam für mich nie in Frage. Aufgeben ist etwas für Weicheier.

Wie gehst du mit deinen Ressourcen um? Wie und wo tankst du auf? Was sind deine Energiequellen?

Das ist unterschiedlich. In Zeiten, in denen ich kreativ bin, also an einem neuen Album oder einem neuen Buch arbeite, gebe ich alles. Da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Da wird auch mal sehr wenig bis gar nicht geschlafen, weil es nicht geht. Ich kann nicht schlafen, wenn eine Melodie mir im Kopf herumschwirrt. Es kommt manchmal sogar vor, dass ich selbst das Essen vernachlässige.
Das Projekt hat dann, in diesem Moment, absolute Priorität. Ich bin unglaublich glücklich darüber, dass ich eine Familie und Freunde habe, die das akzeptieren und mich einfach machen lassen. Dann aber, wenn das Projekt abgeschlossen ist, wende ich mich ihnen zu und unternehme dann so viel wie es geht mit ihnen. Sei es Filmabend, Kino, Spaziergang oder einfach nur zusammen sitzen und miteinander reden. Da tanke ich dann auf. Familie und Freunde sind meine Energiequelle, und unsere Katzen Findus und Shams (arabisch: Sonne).

Braucht man deiner Meinung nach bestimmte persönliche Eigenschaften, um Echtheit zu leben? Kann die jeder lernen?

Ich denke nicht, dass man dafür eine bestimmte Eigenschaft braucht, aber – um es mal deutlich zu sagen: man braucht Eier – Frauen brauchen da Eierstöcke -, um zu sich selbst zu stehen! Ich meine damit nicht, einfach nur geile Songs oder Bücher zu schreiben, sondern seinen Traum zu leben. Und zwar nicht nur nebenbei, sondern voll und ganz. Man muss sagen können: nur das will ich machen. Koste es, was es wolle. Der Wille ist dabei ungemein wichtig. Aber: Man muss stark genug sein, um sich auslachen zu lassen, für einen Spinner gehalten zu werden, Demütigungen bei Niederlagen einstecken können. Aber ich kann es jedem nur sagen: die Mühe lohnt sich.

Und was noch wichtig ist: stell dich nicht so dar, als ob du der Megarockstar bist, obwohl du nur ein Dorfmusikant bist. Mach deine Firma nicht größer als sie es wirklich ist. Wenn du einen kleinen Gemüseladen hast, dann hast du eben einen kleinen Gemüseladen und keinen Weltkonzern. Das merken die Leute, und dann war es das mit der Authentizität. Dein kleiner Gemüseladen hat viel mehr Charme und Liebe als ein Weltkonzern. Soll dich aber nicht daran hindern, irgendwann einen Weltkonzern zu haben. Mir haben etliche „nahestehende“ Personen erzählt, dass man sich größer darstellen soll, als man ist. Bullshit! Sei einfach ehrlich zu dir selbst. Das ist die beste Lektion für mehr Echtheit.

Wie hat sich deine Lebensqualität verändert, seitdem du „Ja“ zu deiner Echtheit gesagt hast? Welche Veränderungen hast du bei dir und/oder bei anderen festgestellt?

Lass es mich anhand eines Beispiels erklären: Stell dir vor, du bist in einem Haus, an eine Kette gebunden, die nur bis kurz vor das Fenster geht. Du schaust aus dem Fenster und siehst einen Garten, aber du kannst nicht raus. Irgendwann findest du den Schlüssel für das Schloss an der Kette, öffnest es, gehst zum Fenster, berührst du Oberfläche des Fensters, machst die Tür auf und du stehst im Garten. Ein paar Schritte weiter entdeckst du einen Pfad, den du zuvor nicht gesehen hattest, und dann verlässt du sogar den Garten …

Als ich das zum ersten Mal spürte, fühlte ich mich einfach nur total frei. Ich bin volles Risiko eingegangen. Habe meinen Job hingeschmissen und mich ausschließlich auf Musik und Literatur konzentriert. Meinen letzten „festen“ Job hatte ich vor 12 Jahren, aber schon gleich nach meiner Ausbildung, die ich nur deshalb gemacht habe, damit meine Eltern beruhigt sind, wusste ich, dass Musik mein Lebensinhalt sein wird.
Die Reaktionen in meinem Umfeld waren unterschiedlich. Meine beste Freundin war schon immer an meiner Seite. Manche waren skeptisch und manche hielten mich für verrückt, durchgeknallt; für einen Träumer, einen Spinner, der es zu nichts bringen wird. Und jene, denen die Sache mit der Echtheit unheimlich war, haben sich dann auch aus meinem Umfeld verabschiedet.

Wie fühlst du dich gerade jetzt in diesem Moment?

Geehrt, weil ich dieses interessante Interview mit dir führe ☺.

Wenn dich nachts einer mitten im Schlaf wecken würde und fragt: “Was ist dein bester Tipp für mehr Echtheit?” – Was würdest du sofort antworten?

Lass dich auf gar keinen Fall verbiegen, aber sei dennoch flexibel! Wenn du ein Ziel hast verfolge es, ohne Rücksicht auf Verluste. Ja, du musst in der Tat ein bisschen radikal sein, pass aber dabei auf Menschen auf, die dir wichtig sind. Hör auf sie, reflektiere alles, was sie dir sagen. Sei nicht hochnäsig ihnen gegenüber. Das sind diejenigen, die dich stärken und dir Mut machen. Ignoriere den ganzen Rest.

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